WIE ICH EINEN LESBEN-BUCHCLUB GRÜNDETE: ANLEITUNG FÜR EINE WUNDERBAR DYSFUNKTIONALE LESEGRUPPE

Die Idee eines Lesben-Buchclubs klang nach viel Spaß. Ein kleiner, freundlicher Kreis von bücherliebenden Frauen, die sich geistreich unterhalten – das perfekte Äquivalent einer introvertierten Silvesterfeier. Dann noch etwas Wein und Käse oder Kaffee und Kuchen und man hat den perfekten Nachmittag. Stimmt’s?

Mit dieser optimistischen Vorstellung habe ich die dysfunktionalste queere Lesegruppe gegründet, die die Welt je gesehen hat (Details wurden im Folgenden leicht verändert, um die Schuldigen zu schützen).

 

WIE MAN LESBEN ERREICHT (DIE OLD-SCHOOL-VARIANTE)

Ich war neu in der Stadt. Ich kannte niemanden und es war Mitte der 2000er Jahre. Soziale Medien gab es kaum. Also tat ich, was mir logisch erschien: Ich reservierte einen Tisch in einem Café, das zu einer Buchhandlung gehörte, und beschloss, dass die Teilnehmerinnen die queeren Bücher im Konsens auswählen sollten, wobei wir Titel, die in Bibliotheken ausgeliehen werden konnten, bevorzugen wollten. Dann brachte ich ein Plakat an einem Schwarzen Brett des LGBT-Zentrums an, auf dem Ort und Zeit des Treffens der Gruppe bekanntgegeben wurden, und auf dem in großen, freundlichen Buchstaben „ALLE WILLKOMMEN“ stand.

Ist jemandem aufgefallen, was ich alles falsch gemacht habe?

 

DAS RICHTIGE UMFELD FÜR QUEERE LESERiNNEN

Der Besitzer der Buchhandlung und des Cafés war ein netter Mann. Aber stellt euch seine Frustration darüber vor, dass sein begrenzter Platz von einem Haufen lärmender Geizhälse eingenommen wurde, die den ganzen Nachmittag vor einer Tasse Kaffee saßen und ihre Bücher hauptsächlich aus der Bibliothek ausgeliehen hatten. Es wurde noch schlimmer, als wir ihn um eine LGBT-Buchempfehlung baten. Er schlug einen skurrilen, aber düsteren Roman vor: eine postmoderne Geschichte einer gelangweilten Hausfrau, die eine Lesbe trifft und erkennt, wie traurig das Leben ist. Unsere Gruppe hasste das Buch und alle beschwerten sich lautstark darüber, wie gelangweilt sie beim Lesen gewesen waren. Der Buchhändler hörte zwei Stunden lang zu, kam dann rüber zu uns und erklärte kühl, dass der Autor sein bester Freund sei. Ich bin mir ziemlich sicher, dass seitdem jeder Kaffee, den er uns servierte, mit einem Schuss Spucke versehen war.

 

WENN EUCH DIE LGBT-ROMANE AUSGEHEN, BENUTZT DAS INTERNET!

Wenn ihr die Bücher nicht in Papierform kaufen wollt, dann müsst ihr euch mit deren Cousin, dem E-Reader, anfreunden. Haltet ihr euch nämlich nur an den Bestand der örtlichen Bibliothek, werdet ihr schnell feststellen, dass die Auswahl an queerer Literatur beschränkt ist und oftmals nicht über Sarah Waters, Jeanette Winterson oder eine fünfzehn Jahre alte Biografie von Ellen DeGeneres hinausgeht, über die jemand Kaffee geschüttet hat. Nach einem Jahr waren wir verzweifelt. „Dieses Buch hat einen schwulen Nebencharakter – reicht das?“ „Diese Autorin schreibt über Frauenfreundschaft – nah genug?“ Als wir über das Buch eines heterosexuellen Sci-Fi-Autors diskutierten, in dem die Außerirdischen zur Paarungszeit ihr Geschlecht wechseln, wusste ich, dass wir in Schwierigkeiten steckten. Im nächsten Monat lasen wir wieder einmal Solange du lügst von Sarah Waters.

 

ERSTE REGEL DES BUCHCLUBS: WENN DU ES AUSSUCHST, DANN LIES ES AUCH

Mein Plan, dass wir Bücher im Konsens auswählen, ist nie verwirklicht worden. Wir konnten uns nicht einmal darauf einigen, auf welchen Stühlen wir sitzen wollten. Aber wenn man ein Buch für die lesbische Lesegruppe vorschlägt, sollte man auch bereit sein, es zu lesen und eine Diskussion darüber zu führen. Ich bin immer noch sauer auf die Person, die darauf bestand, dass wir eine Sammlung von Ratgeberkolumnen eines Sexualtherapeuten lesen … und die dann zur Besprechung nicht aufgetaucht ist. Ihr habt noch nie eine so schrullige Gruppe von Leserinnen gesehen, die sich so ausgiebig und todernst über Dildos unterhalten hat.

 

WÄHLT DIE MITGLIEDER FÜR EUREN LESBISCHEN BUCHCLUB SORGSAM AUS

Ansonsten gebt mir nicht die Schuld, wenn ihr am Ende immer wieder über den Roman Grüne Tomaten von Fannie Flagg diskutieren müsst.

Diese Leute solltet ihr meiden:

    • Eine sehr wütende Frau, die jedes Buch hasst, das die Gruppe jemals gelesen hat. Sie schreibt die „schlimmsten“ Passagen von Hand ab und lässt einen dann aufmerksam zuhören, während sie erklärt, was die AutorInnen falsch gemacht haben. Sie verpasst keine Sitzung.

 

    • Eine exzentrische Frau, die die Handlung des Buches wie eine menschliche Lektürehilfe rezitiert, bevor sie in völlig zusammenhanglose Geschichten über ihr Leben übergeht. Ich hätte nicht so viele Details über ihre Blinddarmoperation hören mögen, vor allem, weil ich davon ausgegangen war, wir würden über Die Farbe Lilasprechen.

 

    • Eine Frau, die unheimlich still dasitzt und kein Wort sagt, während sie mit einem durchdringenden Blick ins Leere starrt. Okay, sie war wahrscheinlich einfach schüchtern. Aber es ist schwer, eine Diskussion über Die Verborgene Welt zu führen, wenn man sich fragt, ob die Person neben einem vielleicht ein Serienmörder ist.

 

    • Alle Frauen, die nie die Bücher lesen. Welcher Teil von „Buchclub“ war nicht klar?

 

    • Mitglieder, die sich gegenseitig verabscheuen. Leidenschaftliche Debatten sind eine Sache, aber ich habe gesehen, wie sich Frauen wegen einer Geschichte über einen Drag-King fast geprügelt haben. Sollte hier nicht der Spaß im Vordergrund stehen?

 

  • Ein Mann, der „Lesben-Buchclub“ anscheinend interpretierte als „ein Haufen Damen, die gerne ein paar Geschichten über meinen schrecklichen Autounfall und die Zeit meiner Verhaftung in Bali hören würden“. Er beherrschte die Zirkularatmung, so dass es nie einen guten Moment gab, um ihn zu unterbrechen. Er nahm ein paarmal an unseren Treffen teil. Ich vermute, er war ein großer Sarah-Waters-Fan.

 

MEINE EIGENEN LGBT+ BÜCHER

Als mein erstes Buch veröffentlicht wurde, sagte ein Freund: „Wow, vielleicht wird eines Tages in einem Buchclub über eine deiner Geschichten diskutiert!“

Das wäre eine Ehre und ich würde mich unglaublich freuen … aber bittet mich nicht, diesen Club zu organisieren!

 

Jess Lea lebt in Melbourne, Australien, wo sie zunächst eine akademische Laufbahn verfolgte, bevor sie im sozialen Bereich zu arbeiten begann. Sie liebt klassische Krimis, Bücher von lustigen Frauen und lesbische Bücher aller Art. Jess schreibt in Cafés, in Parks und in ihren Pyjamas zu Hause, wenn sie eigentlich bei der Arbeit sein sollte. Auf Deutsch erscheinen sind von ihr bisher einige Kurzgeschichten; unter anderem in der Erotik-Anthologie „Berührt von ihr“.

Ich habe einen Buchclub für Lesben gegründet – was kann da schon schiefgehen?

One thought on “Ich habe einen Buchclub für Lesben gegründet – was kann da schon schiefgehen?

  • 9. September 2020 um 16:55
    Permalink

    Sehr schön geschrieben, ist informativ und Unterhaltsam.

    Antworten

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