Ylva Verlag

Interview mit Jae

Anlässlich der Veröffentlichung von Jaes erstem deutschen Buch, Vollmond über Manhattan, hat sich Alison Grey vom Ylva Verlag die Zeit genommen, ihrer Autorenkollegin einige Fragen zu stellen.

Alison Grey: Zunächst einmal möchte ich mich dafür bedanken, dass du dir die Zeit nimmst, einige Fragen zu beantworten.

Jae: Gern geschehen.

Alison Grey: Seit wie vielen Jahren schreibst du und wie kamst du dazu?

Jae: Ich schreibe jetzt schon seit dreiundzwanzig Jahren. Meine erste Kurzgeschichte hab ich mit elf Jahren geschrieben. Ich weiß noch, dass ich einen Abenteuerroman gelesen hatte, dessen Hauptperson ein indianischer Teenager war, und ich habe eine kurze Geschichte darüber geschrieben.

Alison Grey: Warum schreibst du? Was bedeutet es dir?

Jae: Man könnte mich genauso gut fragen, warum ich atme. Das Schreiben ist ein wichtiger Bestandteil meines Lebens und würde mir sehr fehlen, wenn ich aufhören würde zu schreiben. Ich schreibe in erster Linie für mich selbst, aber natürlich auch für meine Leser, denen ich gerne ein paar Stunden guter Unterhaltung bieten würde.

Alison Grey: Was bereitet dir schlechte Laune?

Jae: Meistens bin ich ein sehr ausgeglichener Mensch, aber zu viel Stress und Verspätungen der Deutschen Bahn können auch mich schon mal miesepetrig werden lassen.

Alison Grey: Wie lange brauchst du gewöhnlich, um ein Buch zu schreiben?

Jae: Der erste Schritt ist immer eine gründliche Recherche und eine Planung der Handlung, was meistens ein paar Wochen oder sogar Monate in Anspruch nimmt. Danach dauert es ungefähr vier bis sechs Monate, bis ich den ersten Entwurf geschrieben habe. Dann lege ich das Manuskript meistens einen Monat beiseite, bevor ich mit der Überarbeitung beginne. Daran sind dann auch Betaleser und Lektoren beteiligt. Diese Phase dauert mindestens genauso lange wie das Schreiben des ersten Entwurfs. Im Anschluss daran kommt dann das Korrekturlesen. Alles in allem dauert es ungefähr ein Jahr, ein Buch zu schreiben.

Alison Grey: Wie viel Stunden in der Woche verbringst du damit zu schreiben?

Jae: Da muss ich mit der typischen Psychologen-Antwort antworten: Das kommt drauf an. [Lacht]

Früher habe ich versucht, jeden Tag zu schreiben. Dieses Jahr habe ich begonnen, über die Zeit, die ich mit dem Schreiben verbringe, Buch zu führen. Bisher hatte ich einen Monat, in denen ich fünf Stunden geschrieben habe, und einen Monat, in dem ich einundfünfzig Stunden geschrieben habe. Es kommt immer darauf an, wie viel Freizeit ich habe und wie viel ich betalese.

Alison Grey: Ich weiß, dass du eine gefragte Betaleserin bist. Du verbringst viele Stunden damit, anderen Autoren mit ihren Manuskripten zu helfen. Warum?

Jae: Das ist ein Versuch, der Gemeinschaft der Autoren etwas von der Hilfe, die ich bekommen habe, zurückzugeben. Als ich damals begonnen habe, mich ernsthaft mit dem Schreiben zu beschäftigen und besonders, als ich mein erstes Buch veröffentlicht habe, hätte ich mir gewünscht, jemanden zu haben, der als Mentor und Betaleser dazu beiträgt, meinen Schreibstil zu verbessern. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, einen guten Betaleser zu finden, deshalb versuche ich, neuen Autoren die Hilfestellung zu geben, die ich mir selbst gewünscht hätte.

Alison Grey: Kaffee oder Tee?

Jae: Tee. Ich trinke nur dann Kaffee, wenn ich so viel Milch und Zucker reintue, dass es nicht mehr nach Kaffee schmeckt.

Alison Grey: Wann und wo schreibst du am meisten?

Jae: Eigentlich kann ich jederzeit und an jedem Ort schreiben, aber besonders produktiv finde ich es, im Zug zu schreiben, wo ich nicht vom Telefon oder Internet abgelenkt werde. Glücklicherweise nehme ich an den meisten Tagen den Zug, um zur Arbeit zu kommen, sodass ich zwei Stunden täglich Zeit zum Schreiben habe.

Scheinbar gibt es Autoren, die gut an öffentlichen Plätzen wie Cafés schreiben können. Das will ich in der Zukunft auch mal ausprobieren.

Alison Grey: Wie würdest du dich selbst beschreiben?

Jae: Ich würde sagen, ich bin ein Mensch voller Widersprüche. Einerseits mag ich Menschen und stehe meiner Familie und meinen Freunden sehr nahe. Andererseits bin ich introvertiert und drehe durch, wenn ich nicht genug Zeit alleine habe. Ich bin der geborene Diplomat; mir fällt es leicht, verschiedene Sichtweisen zu sehen, aber ich kann auch sehr stur sein. Ich bin ein sehr methodischer, systematischer Mensch und das zeigt sich auch beim Schreiben. Ich fertige Listen, Charakterskizzen und detaillierte Beschreibungen der Handlung an.

Alison Grey: Wie viel von dir selbst steckt in deinen Charakteren?

Jae: Zwar versuche ich nicht bewusst, Charaktere nicht an mich selbst (oder auch Personen, die ich kenne) anzulehnen, aber ich glaube, dass wir als Schriftsteller einfach nicht anders können, als Teile von uns in unsere Charaktere einfließen zu lassen.

Ich hatte vor kurzem ein interessantes Gespräch mit einer Freundin, die meint, dass mir Luke aus Backwards to Oregon am meisten ähnelt. Wie Luke bin ich ohne Vater aufgewachsen und musste erst lernen, mir emotionale Unterstützung bei anderen zu suchen.

Die beiden Hauptpersonen aus Something in the Wine, das im November veröffentlicht wird, haben beide einige Persönlichkeitseigenschaften mit mir gemeinsam. Wie Drew bin ich gelassen, offen und geduldig, aber ich bin also zuverlässig und ein „Informationsjunkie“ wie Annie.

Alison Grey: Was ist für dich die größte Herausforderung beim Schreiben?

Jae: Die größte Herausforderung ist, genug Zeit zum Schreiben zu finden. [Lacht]

Die meisten Autoren hassen das Überarbeiten und Lektorieren. Ich bin eine von wenigen Autorinnen, die diesen Teil des Schreibens liebt.

Eine der größten Herausforderungen für mich ist das Lösen von Plot-Problemen. Manchmal weisen mich Betaleser auf eine Szene hin, die so einfach nicht funktioniert. Wenn die gesamte Handlung auf dieser einen Szene aufbaut, kann das bedeuten, dass man das halbe Manuskript löschen und von vorne beginnen muss. Die meisten Autoren kennen das Gefühl wohl—als müsse man sich das Herz aus der Brust reißen.

Sexszenen können auch schwer zu schreiben sein, besonders wenn man, wie ich, auf eine mehr kognitive Weise schreibt.

Alison Grey: Was liest du gerade?

Jae: Wer hat schon Zeit zu lesen? [Lacht].

Im Moment nutze ich meine freie Zeit, um zu schreiben, aber Something So Grand von Lynn Galli wartet auf meinem Nachttisch darauf, gelesen zu werden.

Alison Grey: Was macht für dich einen guten Liebesroman aus?

Jae: Ein guter Liebesroman ist ein Buch über zwei sympathische, dreidimensionale Charaktere, die durch einen realistischen Konflikt davon abgehalten werden, zueinander zu finden. In Liebesromanen verlieben sich leider zu oft die Hauptpersonen schon auf der zweiten Seite ineinander und die Hindernisse, die ein Happy End zunächst verhindern, sind bestenfalls fadenscheinig.

Alison Grey: Welchen Ratschlag würdest du neuen Autoren geben?

Jae: Die wichtigste Eigenschaft eines Autors ist Geduld. Ein bekanntes Sprichwort unter Schriftstellern ist: „Writing is rewriting“ [Schreiben ist Umschreiben]. Versuche, möglichst viel Feedback von guten Betalesern und Lektoren zu bekommen und es zu benutzen, um das Manuskript zu überarbeiten. Reiche das Manuskript so fehlerfrei wie möglich ein.

Mach dich auch mit den technischen Aspekten des Schreibens wie Erzählperspektiven und „zeigen, nicht behaupten“ vertraut.

Alison Grey: Ich vermute mal, Jae ist nicht dein echter Vorname. Woher kommt der Künstlername?

Jae: Ja, das stimmt. Jae ist ein Künstlername. Zwei der ersten lesbischen Romane, die ich gelesen habe, waren Silent Legacy von Ciaran Llachlan Leavitt, in dem eine der Hauptpersonen Jae heißt, und None So Blind von LJ Maas. Ich habe meinen Künstlernamen gewählt, um die lesbischen Autorinnen, die mir den Weg geebnet haben, zu ehren.

Alison Grey: Beeinflusst deine Arbeit als Psychologen dein Schreiben?

Jae: Ja, natürlich. Meine berufliche Erfahrung lässt mich leichter erkennen, welchen Einfluss die Lebenserfahrungen und Persönlichkeitseigenschaften auf das Verhalten eines Menschen haben und zu Konflikten führen können. Ich nutze mein Fachwissen, um Charaktere zu erschaffen, die anfangs im Konflikt zueinander stehen, Veränderungen und persönliches Wachstum bei der jeweils anderen anstoßen und zu einem Happy End finden können.

Alison Grey: Woran arbeitest du im Moment?

Jae: Ich schreibe an einer Kurzgeschichte für eine Weihnachtsanthologie. Es ist eine Mini-Fortsetzung von „Der Weihnachtsmuffel“, eine meiner englischen Geschichten, die ich kürzlich übersetzt habe. Die zweite Kurzgeschichte zeigt uns die Hauptpersonen ein Jahr später.

Alison Grey: Auf welche zukünftigen Schreibprojekte dürfen wir uns freuen?

Jae: Das nächste Buch, das von mir veröffentlicht wird, ist Something in the Wine, das in wenigen Tagen erscheinen wird.

Im Moment arbeiten wir an zwei Anthologien. Eine wird vor Weihnachten, die andere am Valentinstag erscheinen. Ich werde Geschichten zu beiden Anthologien beitragen.

Nächstes Jahr wird dann True Nature erscheinen, ein paranormaler Liebesroman mit viel Action.

Ein weiteres Projekt, das ich für 2013 oder 2014 plane, ist eine Zusammenarbeit mit einer anderen Autorin. Ich habe noch nie ein Buch zusammen mit anderen Autoren geschrieben, deshalb wird es sicher eine interessante Erfahrung werden.

Alison Grey: Danke für das interessante Interview.


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