Charlotte Loudermilt ist Beta-Leserin, Liebhaberin von lesbischen Büchern und Sexszenen-Expertin. In diesem Beitrag spricht sie mit uns über ihre Erfahrungen mit den intimen Momenten zwischen fiktiven, sich liebenden Frauen.

Charlotte Loudermilt, Beta-Leserin, Sexszenen
Charlotte Loudermilt

Oftmals hassen Autor*innen es, sie zu schreiben, und Leser*innen lieben es, sie zu lesen. Und das ist das Problem.

Wie können Autorinnen und Autoren erotische Szenen lebendig gestalten, wenn es ihnen im Allgemeinen keinen Spaß macht, sie zu schreiben? Das Ergebnis ist, dass Autor*innen oft viel weniger Zeit damit verbringen, die Falten in den fiktiven Bettlaken zu glätten als in jedem anderen Teil ihrer Romane. Das kann so einiges hervorbringen: uninspirierende intime Momente bis hin zu anatomisch unmöglichen Handlungen.

Damit kennt sich Charlotte Loudermilt bestens aus. Sie ist Beta-Leserin für mehrere lesbische Autor*innen und hat ein besonderes Talent für die Einschätzung von Sexszenen. Ihr Auge fürs Detail findet so manches Problem bei einem Thema, über das Menschen nur ungern sprechen.

Sie hat unter anderem die hitzigen Szenen in The Lily and the Crown von Roslyn Sinclair beta-gelesen und ein halbes Dutzend Bücher von Lee Winter in Angriff genommen, darunter das sexuell aufregende Requiem mit tödlicher Partitur.

Wenn sie nicht gerade Beta-Lesungen beschäftigt ist, liest Charlotte, eine ehemalige Lehrerin, zum Vergnügen Hunderte von lesbischen Romanen.

Werfen wir also einen Blick unter die Haube der Sexszenen in lesbischen Romanen, denn Charlotte leiht uns ihre völlig unseriöse, völlig unwissenschaftliche Sexpertise. (Das ist ein Wort.)

Die Bedeutung von Sexszenen in lesbischen Liebesromanen

Ich kann nicht für alle sprechen, aber ich glaube, dass ein gut geschriebene Sexszenen lehrreich sein können. Mein erstes Mal mit einer Frau war rein instinktiv, aber wenn ich auch nur die grundlegendsten Vorkenntnisse gehabt hätte, wäre das meiner Meinung nach von unschätzbarem Wert für die Erfahrung gewesen. Nicht, dass sich jemand beschwert hätte, wohlgemerkt!

Ich bin auch eine Verfechterin der Repräsentation. Es gibt eine besondere Art von Intimität, die entsteht, wenn Frauen Sex mit anderen Frauen haben, und wenn Autor*innen das vermitteln können, ist das nicht nur eine fesselnde Lektüre, sondern auch lebensbejahend.

Oder brauchen wir Sexszenen überhaupt in unseren Büchern?

Nun, Sex lässt sich verkaufen. Nein, ich will ihn nicht trivialisieren. Natürlich können Bücher auch ohne Sexszenen sehr erfolgreich sein. Ich denke jedoch, dass ein Buch, das als Liebesroman bezeichnet wird, eine gewisse Erwartungshaltung mit sich bringt.

Das muss nicht zwangsläufig eine lebhafte/übermäßig beschreibende Darstellung von verworrenen Gliedmaßen bedeuten.

Wenn eine Autorin zum Beispiel den Weg der Abblende wählt, dann möchte ich als Leser*in diese emotionale Verbindung auf einer intimen Ebene spüren. Die intensiven Blicke, die leichten Berührungen und das flache Atmen müssen so stark nachhallen, dass Leser*innen das Verlangen und die sexuelle Spannung genauso spüren wie die Figuren.

Es gibt Leser*innen, die einfach keine grafischen Sexszenen lesen wollen, und das ist völlig in Ordnung. Es gibt Leser*innen, die sexuelle Übergriffe erlebt haben, Leser*innen, die asexuell sind, oder die schon immer der Meinung waren, dass Sex einfach nicht im Detail besprochen werden sollte.

Ich kenne auch Eltern/Erziehungsberechtigte, die ihren Kindern eine sichere Lektüre anbieten wollen, und auch diese Bücher müssen ihren Platz im Regal haben.

Ich gehöre zu den Leser*innen, die so gut wie allem eine Chance geben. Allerdings kann es zu Enttäuschungen kommen, wenn Autor*innen oder das Werbeteam ein Buch als etwas angepriesen haben, das es nicht ist.

Was macht ein gute Sexszenen aus?

Das Wort „feucht“. Ha!

Eigentlich denke ich zuerst an die Glaubwürdigkeit. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass ein Leser aus der Geschichte herausgerissen wird.

Es ärgert mich, wenn ich wegen charakterfremden Verhaltens aufhören muss oder wenn ich mich fragen muss, ob eine Stellung überhaupt körperlich möglich ist.

In diesem Zusammenhang gab es einmal eine Szene, die mir Lee Winter geschickt hatte, aber ich konnte mir einfach nicht vorstellen, wie sie technisch möglich sein sollte. Also habe ich mir meine Frau geschnappt und sie gebeten, mir beim Nachspielen der Szene zu helfen. Wir hatten nicht nur ein gutes Gefühl dabei, sondern mir wurde auch klar, dass wir nur die Worte linke Hand durch rechte Hand ersetzen mussten.

Als Nächstes muss es auch bei der Hitze und dem Dampf authentisch zugehen.

Manche Autor*innen denken, dass der Sex automatisch heiß wird, wenn sie nur mit ein paar schmutzigen Schimpfwörtern um sich werfen. Oft hat ein gut platzierter „Fick“ (kein Wortspiel beabsichtigt) eine viel größere Wirkung als mehrere aneinandergereihte. Aber abgesehen von den Dialogen einer Szene möchte ich sehen, wie das Höschen langsam herunterrutscht oder wie die Zähne sanft an der Außenseite eines Spitzen-BHs entlang streichen.

Was macht Sexszenen schlecht für Leser*innen?

Oh, es ist so traurig, wenn gute Charaktere schlechten Sex durchstehen müssen!

Für mich läuft es darauf hinaus, dass eines von drei Dingen nicht klappt: Glaubwürdigkeit, physikalische Unmöglichkeit und Authentizität.

Was sind häufige Fehler, die du bei Autor*innen beobachten kannst?

Wenn ich noch einmal lesen muss, dass Figur A wegen Figur B einen Stromschlag spürt, dann hoffe ich, dass der Strom ausfällt. Es gibt Tausende von Möglichkeiten, Anziehung, Flirten, Verlangen usw. zu beschreiben, und doch wählen so viele das Wort „Elektrizität“, als ob es das einzige Wort wäre, das existiert.

In letzter Zeit hat auch das Genre der Liebesromane mit Altersunterschied einen Aufschwung erlebt (ich will mich nicht beschweren, denn ich liebe Liebesromane mit Altersunterschied). Aber mir ist aufgefallen, dass es einigen Autoren schwer zu fallen scheint, bei den Sex-/Intimitätsszenen eine doppelte Perspektive einzunehmen.

Eine 50-jährige Frau wird Sex und ihren Körper in einem ganz anderen Licht sehen als ihre 25-jährige Geliebte. Das ist eine so wichtige Komponente, die in unglaublich vielen Sexszenen, die ich gelesen habe, völlig fehlt.

Und dann ist da immer noch die Verrenkung der Figuren. Lasst uns mal kurz über Daumen sprechen. Es ist unmöglich, dass ein Mittel- und ein Ringfinger tief in eine Frau eindringen, während sie gleichzeitig ihre Klitoris mit der Daumenkuppe reibt. Autor*innen, ihr müsst euch entscheiden!

Erzähler*innen erwähnen oft, dass das Ignorieren der Zustimmung der Figuren ein großes Problem in der Welt der Hetero-Romane ist. Ist dir dieses Problem auch bei lesbischen Sexszenen aufgefallen?

Es kommt selten vor, dass ich diese Art von Szenen lese oder Consent als Problem empfinde. Ich bin beeindruckt von der Anzahl der Sexszenen, die ich gelesen habe, in denen, wenn eine Figur aus irgendeinem Grund (z. B. weil sie sich überfordert fühlt) „Nein“ sagt, alle Handlungen sofort eingestellt werden. Wenn man diese Art von Fürsorge und Sorge zeigt, kann man den Grundstein für spätere Intimität legen.

Wenn ihr einmal ein Musterbeispiel dafür erleben wollt, wie Zustimmung vermittelt werden kann, dann lest die Sexszenen in dem Sci-Fi-Roman The Lily and the Crown. Die Hauptfiguren sind eine junge Herrin und ihre ‚Sklavin‘. Ich wurde gebeten, diese Geschichte als Beta-Leserin zu lesen, um die Problematik des Einverständnisses zu untersuchen.

Ich war sofort im Zwiespalt darüber, wie diese Dynamik funktionieren und wahrgenommen werden könnte. Aber Roslyn Sinclair hat etwas Wunderschönes mit dem Drahtseilakt, auf dem wir uns befanden, gemacht, indem sie der Sklavin die ganze Macht gab. Das ist absolut poetisch.

Welchen Rat würdest du jemandem geben, der unsicher ist, wie er fiktive Sexszenen angehen soll?

Habt Sex. Guten Sex. Masturbiert, phantasiert, lest andere Autor*innen und stellt Fragen ohne Scham. Tut ALLES, ohne euch zu schämen. Ehrlich gesagt, ist dies ein großartiges Beispiel dafür, dass du schreibst, was du weißt. Wenn du dich mit Sex im Allgemeinen nicht wohl fühlst, wird sich das zweifellos auf die Seite übertragen.

Es kann einfach sein, darüber nachzudenken, was dir gefällt, was dich anmacht und was sich für dich gut anfühlt. Aber das Wichtigste ist, dass du deinen Charakteren treu bleibst. Nur weil es dir Spaß macht, den Hintern versohlt zu bekommen, heißt das noch lange nicht, dass deine Figur das auch mag.

Benennung von Körperteilen: Klinische oder metaphorische Bezeichnungen – was ist deine Präferenz?

Mein Favorit ist natürlich „Devil’s Doorbell“ (Anm.: Witz-Bezeichnung für Klitoris im Englischen)! Es gibt viele Debatten darüber, was die Leser mögen, wenn es um die Benennung von Körperteilen geht. Für mich ist alles, was zu klinisch oder zu grob ist, ein No-Go.

Gibt es Momente, in denen du es einfach nicht mehr aushältst, noch eine Sexszene zu lesen?

Ich lese nie Sexszenen im Beta-Stadium, wenn ich bereits erregt/angeturnt bin. Lee Winter hat mir zum Beispiel mal eine Szene geschickt, die ich durchsehen sollte, aber ich hatte gerade eine Fanfiktion gelesen, die mich nach der Nachttischschublade greifen ließ. Und ich wusste, dass ich in diesem Moment keine Chance hatte, objektiv zu sein. Lee hätte mir ein Foto von einem Wohnzimmerteppich schicken können und ich hätte es in diesem Moment für den romantischsten Ort der Welt gehalten, um Sex zu haben.

Stehst du auch Autor*innen zur Seite, die Angst vor Sexszenen haben?

Ich bin sehr wählerisch, wenn es darum geht, mit wem ich zusammenarbeite, weil ich normalerweise nicht nur den Sex betrachte. Für mich ist das ein viel längerer Prozess, weil ich die Charaktere gerne kennenlerne, bevor sie das Bett oder den Küchentisch teilen. Wie soll ich wissen, ob der Sex gut ist, wenn ich nicht weiß, wie die Chemie zwischen ihnen ist?

Aber wenn ich ja sage, dann mach dich auf absolute brutale Ehrlichkeit gefasst. Und wenn ich nein sage, dann suche dir bitte eine*n Beta-Leser*in, der/die wirklich konstruktive Kritik üben wird.

Wenn du nur positives Feedback bekommst, dann lügt dich dein*e Beta-Leser*in an oder ist einfach nicht gut darin, dir Hinweise zu geben. Denn beim Schreiben von ersten, zweiten und sogar dritten Entwürfen gibt es immer Verbesserungsmöglichkeiten.

In diesem Sinne, liebe Beta-Leser*innen: Seid vollkommen ehrlich zu den Autor*innen, mit denen ihr zusammenarbeitet. Ihr werdet nicht in allen Punkten einer Meinung sein, und das ist auch völlig in Ordnung. Außerdem gibt es einen Unterschied zwischen Kritik und konstruktiver Kritik. Wenn euch etwas nicht gefällt, dann helft den Autor*innen, indem ihr ihnen ein Beispiel gebt, wie man die Szene verbessern könnte.

Und was ich an der Zusammenarbeit mit Lee Winter und Roslyn Sinclair am meisten schätze, ist ihre Bescheidenheit und ihre Bereitschaft, wirklich zuzuhören. Es kann nicht einfach sein, seine Arbeit jemandem zum alleinigen Zweck der Kritik zu überlassen.

Warum liebst du lesbische Romane so sehr?

Ich setze mich leidenschaftlich dafür ein, weil lesbische Literatur für so viele, die sie lesen, eine transformative Wirkung hat. Es gibt Menschen, die sich ihr ganzes Leben lang anders gefühlt haben und durch die Lektüre von Lesbenromanen erkennen können, dass ihre Gefühle richtig und in Ordnung sind. Man kann nie wissen, wann eine verunsicherte Person das Buch zur Hand nimmt, um sich bestätigt zu fühlen, deshalb glaube ich, dass es umso wichtiger ist, es richtig zu machen.


Wenn Autorinnen und Autoren Charlotte wegen ihrer Sex-Expertise kontaktieren wollen, schlägt sie vor: „Schicken Sie mir einfach ihre Unterhosen mit der Post. Haha! Oder ich schätze, Sie können mir eine E-Mail schicken an: jeep28@live.com.“

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Bekenntnisse einer Sexpertin. Eine Beta-Leserin spricht über die spannende Welt der Sexszenen

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