Ylva Verlag

Interview mit Ina Steg, Autorin von “Alles nur Kulisse”

cover_Alles-nur-Kulisse_500x800Alles nur Kulisse von Ina Steg ist seit diesem Juli zu haben! Mit Spannung und Gefühl, mit lauten und leisen Tönen möchte die Autorin ihre Heldinnen Liesa und Ashley zueinander führen – dem aufreibenden Treiben hinter den Kulissen einer Daily Soap und hinter der Fassade einer Sekte zum Trotz. Aber der Weg ist lang …

Weil ihr als Leserinnen jetzt vermutlich genauso neugierig auf die Autorin dieses vielseitigen Erstlings seid, wie wir als Verlagsteam es waren, haben wir sie zu einem Interview geladen und sie mit Fragen gelöchert – die Ina uns ausführlich beantwortete. Wir wünschen euch viel Vergnügen bei eurem ersten virtuellen Meet & Greet mit Ina Steg.

Zunächst einmal: Vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, ein paar Fragen für uns und die Leserinnen zu beantworten! Wir wollen auch gleich einsteigen: Seit wann schreibst du und wie kamst du dazu?

Die Lust aufs Schreiben war immer da und kam ganz unterschiedlich zum Ausdruck. In meiner Jugend habe ich Briefe geschrieben. Ich fand es interessant, mich mit den unterschiedlichsten Menschen auszutauschen. Eine Zeit lang habe ich dann Tagebücher geführt („verknallt sein“ füllt vermutlich viele Seiten), irgendwann kamen Gedichte dazu. An Geschichten habe ich mich lange nicht rangetraut. Mit Mitte zwanzig habe ich angefangen, Schreibratgeber zu lesen und mich mit Autorinnen und Autoren in Foren auszutauschen. Es entstanden dann erst mal Geschichtsschnipsel, einzelne Szenen und zusammenhanglose Ideen. Als ich mich damit sicherer fühlte, war der Impuls eines Tages da: fang einfach an. So entstand mein erstes Manuskript.

Warum schreibst du und was bedeutet dir das Schreiben?

Wenn ich eine Weile nicht schreiben kann, fehlt es mir und es geht mir nicht gut. Ich denke, jeder Mensch hat etwas, das er so sehr mag, dass er das Gefühl hat, ohne dieses ‚Etwas‘ nicht er selbst zu sein. Manche malen, machen Sport, sind oft in der Natur oder hören Musik, weil sie spüren, dass es zu ihnen gehört. So geht es mir mit dem Schreiben. Es bedeutet für mich, ganz ich selbst zu sein, ohne Normen, ohne den Einfluss von anderen, einfach nur ich.

Wie würdest du dich selbst in einem Satz beschreiben?

Schöne Frage und jetzt erzähl mir von dir.

Wie viel von dir selbst steckt in deinen Charakteren?

Es ist schwer, da konkrete Grenzen zu ziehen und zu sagen, diese Eigenschaft der Figur ist rein erfunden und jene kann ich an mir selbst beobachten.

Ein Mensch wird ja nicht nur über einzelne Eigenschaften oder seinen Charakter definiert, es ist das Zusammenspiel dieser Elemente, das ihn erst zu dem macht, was er ist. Und so werden auch meine Figuren vor allem von meinen Erfahrungen und Begegnungen, aber auch von meinen Wünschen und Vorstellungen vom Leben beeinflusst.

Was ist für dich die größte Herausforderung beim Schreiben?

Den Mut zu haben, mich in die Gefühlswelt der Figuren fallen zu lassen. Das geht mir oft nah. Es kann wunderschön, aber auch anstrengend sein. Wenn ich viel geschrieben habe, muss ich aufpassen, dass ich mich wieder in meine Gefühlswelt einfinde. In Alles nur Kulisse gibt es zum Beispiel eine Szene, in der Liesa wütend durch die Stadt hetzt. Wenn ich diese Szene bearbeitet hatte, fühlte ich mich danach schlapp und ausgepowert. Genauso bin ich aber auch nach einer gefühlvollen Szene verträumt und habe neuen Mut.

Welches Buch hat dich am meisten beeinflusst?

Eines meiner ersten Bücher, das ich über eine lesbische Frau gelesen habe, war von Lisa Alther: Fünf Minuten im Himmel. Man begleitet die Hauptfigur Jude von ihrer Kindheit an bis ins Erwachsenenalter, mit all ihren Sorgen und Erfolgen. Es hat mir sehr viel Mut gemacht, mich und meine sexuelle Orientierung zu akzeptieren und einen neuen Blickwinkel zu bekommen. Auch wenn es eine erfundene Geschichte war, gab sie mir Hoffnung, dass lesbische Frauen ein ‚normales‘ Leben führen können.

Welchen Ratschlag würdest du neuen Autoren geben?

Ich denke, man sollte herausfinden, was und wen man mit seinen Texten erreichen möchte. Ab dem Zeitpunkt, an dem mir klar war, dass ich an einem Roman arbeiten will, habe ich mich auf das Handwerkszeug konzentriert. Ich habe die Schreibratgeber genauer ausgewählt und konnte das Gelesene direkt am Manuskript ausprobieren. Ich habe viele Liebesromane gelesen, um ein Gespür dafür zu entwickeln, wie Thematiken behandelt oder Figuren erschaffen werden.

Für jede Phase des Schreibens braucht man Zeit. Ob es nun die Recherche, das Schreiben der Rohfassung oder die Überarbeitung ist. Man sollte rechtzeitig damit beginnen, festzuhalten, wie lange man für etwas braucht, um sich und seine Projekte einschätzen zu können. Wenn man seinen Zeitbedarf kennt, kann man Frust vermeiden. Und man sollte nie die Scheu haben, andere nach Ihren Erfahrungen zu fragen. Beim Schreiben ist man meist allein und ganz für sich, für alles Drumherum gibt es Menschen, die bereit sind zu helfen.

Wie kamst du darauf, den Stoff um die Themen „Sekte“ und „Soap Opera“ zu entwickeln?

Ich mag das Format ‚„Daily Soaps“‘, habe etliche davon geschaut und mich dafür interessiert, wie diese entstehen. Die Produktionsbedingungen sind aufgrund der straffen Abläufe speziell. Obwohl die Teams unter Zeitdruck arbeiten, finde ich, dass es viele Daily Soaps gibt, denen man die Leidenschaft der Menschen für das Geschichtenerzählen anmerkt. Mich haben schon viele Schauspielerinnen und Schauspieler mit ihrer Art, sich einer Rolle zu widmen, berührt. Mir war es deshalb wichtig, über die Hintergründe zu schreiben.

Die Grundthematik von „Alles nur Kulisse“ ist aus der Idee heraus entstanden, einem Gefühl nachzugehen. Was würde es für zwei Menschen bedeutent, wenn sie sich einander sicher sein könnten? Diese Zusammengehörigkeit musste von anderen gefördert und vorgegeben werden. Ich habe angefangen, mich mit Gemeinschaftsformen zu beschäftigen, von denen es zahlreiche gibt. Diese Gemeinschaft sollte der Auslöser für die Verbindung von Ashley und Liesa sein. Den Begriff „Sekte“ habe ich gewählt, weil er für die Gruppierung in dem Buch aus der ethischen und soziologischen Sicht am eindeutigsten ist.

Wann ist ein Mensch für dich „besonders und inspirierend“?

Wenn er in mir etwas auslöst. Oft sind das nur kurze Momente. Manchmal schreibt zum Beispiel jemand einen Satz auf Twitter, der ein so tiefes Gefühl transportiert, dass ich immer wieder darüber nachdenke. Oder ein Gespräch verändert meine Sichtweise und ich überdenke danach einiges neu. Das passiert, weil andere etwas von sich preisgeben, dafür braucht es meist Mut und das wiederum finde ich besonders und inspirierend.

Welche Beziehung hast du zum Theater?

Ich war viele Jahre fast jedes Wochenende im Theater. Es ist eine ganz eigene Welt. Die Energie, die Kraft und die Leidenschaft der Menschen auf der Bühne treffen einen unmittelbar, man kann sich dem nicht entziehen. Theater ist für mich eine sehr intensive Kunstform. Man darf Menschen bei dem zusehen, was sie am meisten lieben. Man hat Zeit, sie zu betrachten, ihre Mimik und Gestik. Es ist erlaubt, jemanden zu beobachten und mitzuerleben, was ein bestimmtes Gefühl mit ihm macht. Wie verändern sich die Augen bei einem Kuss oder wie die Muskeln bei einem Schrei? Wann fängt eine Stimme an zu zittern, wann wird sie leiser? Theater gibt einem die Chance, sich dem Gefühl hinzugeben und nachzuspüren, das es in einem auslöst. Spannend ist auch, dass ein Theaterstück immer einzigartig ist. Du kannst dir ein und dasselbe Stück fünf Mal anschauen und es wird jedes Mal anders sein, weil die Schauspieler untereinander und auch die Besucher unterschiedlich reagieren.

Welche Faszination bergen alte Dokumente für dich?

Viele haben sicher schon mal ein altes Dokument in Händen gehalten, einen Brief, ein Buch oder ähnliches. Es ist faszinierend, dass es immer mehr als seinen Inhalt erzählt. Man spürt das Material, sieht zum Beispiel die Farbe der Tinte oder die Schriftart und kann Rückschlüsse auf die Entstehungszeit und die -umstände ziehen. Man fühlt und sieht die Veränderungen, die es auf seiner Reise gemacht hat. Es beflügelt die Phantasie und bringt einem dem Menschen nah, der es produziert hat.

Welche deiner Figuren würdest du gerne zum Freund oder zur Freundin haben?

Ich fände es schön, wenn sie alle in einem Viertel mit mir leben würden. In Ashley wäre ich vermutlich verschossen, würde mich aber nicht trauen, sie anzusprechen. Mit Jonas würde ich gern um die Häuser ziehen, ich mag seine Kessheit. Liesa würde ich öfter mal einen frischen schwarzen Tee aufbrühen, um sie von meiner Lieblingssorte zu überzeugen.

Du suchst einen neuen Mitbewohner. Was soll es werden: Hund oder Katze?

Beides. Und ein Mensch. Und ein Papagei. Sind Kekse auch Mitbewohner?

Schreibst du einfach drauf los oder machst du dir lieber einen genauen Plan, bevor du zu schreiben anfängst?

Geschichten entstehen bei mir meist so: Ich habe ein Thema, das mich interessiert – dann fange ich an, Informationen darüber zu sammeln. Ich überlege mir einen Einstieg und ein Ende. Nach und nach kommen Ideen für die Figuren und einzelne Szenen hinzu. Das passiert jedoch nicht chronologisch. Wenn ich irgendwo warte und Zeit habe, stelle ich mir zum Beispiel vor, wie ein Dialog ablaufen könnte. Wenn ich an einem schönen Ort bin, lasse ich mich von der Umgebung inspirieren, dann entfalten sich Plätze und neue Szenen in meiner Phantasie. Manchmal fällt mir auch irgendein Satz ein, von dem ich mir wünsche, dass eine der Figuren ihn ausspricht. Diese Textteile trage ich in einer Datei zusammen, die ich dann immer wieder umstelle und ergänze.

Wenn ich mich konkret an eine Szene setze, habe ich eine Vorstellung davon, wovon die Szene handelt und welche Atmosphäre herrscht. Beim Schreiben lasse ich mich dann wieder von den Figuren leiten. Ich kann nicht immer voraussagen, was passiert, wenn sie ihre Aufgaben meistern müssen. Oft lerne ich die Figuren auch dann erst richtig kennen.

Welches Format bevorzugst du: die Kurzgeschichte oder den Roman?

Bei Kurzgeschichten hatte ich immer die Sorge, dass aufgrund der Länge etwas nicht auserzählt sei. Ich habe mich mittlerweile davon gelöst. Denn nur weil eine Kurzgeschichte weniger an Seiten hat, muss dadurch nicht die Intensität des Inhalts leiden. Also: ich mag beide Formate – beim Schreiben und Lesen.

 

Wir danken dir herzlich für dieses spannende Interview!

Vielen Dank für die interessanten Fragen und die aufregende Zusammenarbeit!

Jetzt freue ich mich besonders auf eure Reaktionen, liebe Leserinnen, und wünsche euch eine tolle Zeit mit Ashley und Liesa. Gebt mir Feedback, ich würde eure Anregungen beim Schreiben gern berücksichtigen.

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