Die französische Bloggerin ÉLISABETH CHEVILLET erzählt von ihrem Weg, der mit heimlichen Küssen und Selbstverleugnung begann und damit endete, dass sie eine stolze Lesbe ist.

„Du bist eine exzellente Lesbe!“

ist ein Kompliment, das ich mit großem Stolz annehme, vor allem, wenn es von einer meiner liebsten Lesben auf der Welt kommt, meiner Freundin und Wahlschwester Franzi. 

Seit ein paar Jahren bin ich ziemlich aktiv in der lesbischen Community. Ich verbringe meine Zeit mit einem Schmelztiegel queerer Frauen, von Baby-Lesben bis hin zu einschüchternden alten Dykes. Wenn meine Freundin Rosie sagt, dass sie sich bei mir sicher fühlt und ich sie dazu inspiriere, ihr eigenes Queer-Sein zu akzeptieren, könnte ich nicht glücklicher sein. Aber niemand wird als Vorbild geboren − ich habe einen langen, langen Weg hinter mir.

Leider befreit mich die Tatsache, dass ich lesbisch bin, nicht von Sexismus oder Homophobie. Wir leben in einer Gesellschaft, die von und für cisgender, heterosexuelle, weiße Männer geschaffen wurde, und wie jeder andere auch bin ich voll von verinnerlichter Lesbenfeindlichkeit. Es braucht den Willen, die Zeit und das Durchhaltevermögen, diese zu dekonstruieren. 

„Sind Sie nicht lesbisch oder so etwas?“

Ich weiß noch, wie ich mich mit 14 von meiner ersten Freundin trennte, nachdem sie ihrer Schwester gesagt hatte, sie sei in mich verliebt. Ich erinnere mich an mein Leugnen, als meine Highschool-Liebe unseren Freunden erzählte, dass wir miteinander schliefen. Und ich erinnere mich an die Abscheu und das Misstrauen im Gesicht eines Arztes, als er mich fragte: „Sind Sie nicht lesbisch oder so etwas?“ Ich erinnere mich. Ich fühlte mich nackt und schämte mich, und ich sagte Nein.

Ich habe Lesbenklubs gemieden wie die Pest, obwohl ich insgeheim von ihnen fasziniert war. Ich fühlte mich nicht zugehörig zu queeren Menschen und Orten. Ich habe behauptet, dass eine gemeinsame sexuelle Orientierung nicht Grund genug sei, um mit anderen Menschen Zeit zu verbringen. Die Wahrheit ist, dass ich Angst vor Ablehnung hatte, sowohl von meinen heterosexuellen Freunden wegen meines unausgesprochenen Lesbischseins als auch von Lesben wegen meiner mangelnden Erfahrung.

Ich weiß noch, wie viel Mut es mich gekostet hat, meine beste Freundin von einem Straßentelefon aus anzurufen und ihr zu sagen, dass ich „Frauen mag“. Ich weiß noch, wie ich meiner Mutter „gestand“, dass ich in Dalia verliebt war. Ich erinnere mich, dass mein jüngerer Bruder sich fragte, wessen „Schuld“ das sei. Ich zweifelte daran, dass es für mich in Ordnung war, Kinder ohne ein männliches Vorbild zu haben. Wie gesagt, ich war voll von verinnerlichter Lesbenfeindlichkeit.

Frau wird nicht als stolze Lesbe geboren

Frau wird nicht als stolze Lesbe geboren, sondern man wird es. Und dazu braucht man Vorbilder. Starke lesbische Vorbilder. Es braucht lesbische Filme, Lieder, Bücher und Podcasts. Es braucht Lesbencafés und geschützte Orte. Es braucht queere Lehrer*innen, Sportler*innen und Politiker*innen. Ganz zu schweigen von Verbündeten in der Familie und im Freundeskreis. Es braucht gute Erfahrungen, voll von Sanftmut, Freundlichkeit, Liebe. Und es braucht Zeit.

Für mich war es ein langer Weg von der Scham zum Aktivismus. Es hat gedauert, bis ich mich ohne Unbehagen als Lesbe bezeichnen konnte. Die Pathologisierung des Wortes „Lesbe“ hat enorme Auswirkungen auf unsere psychische Gesundheit. Für viele Lesben fühlt sich das Wort immer noch schmutzig an. Sie verwenden es nur ungern oder ziehen es vor, „queer“ zu sagen.

Nenn eine Dyke eine Dyke

Ich persönlich bin ein großer Fan der Reklamation. Ich bin eine Lesbe und ich liebe es, eine zu sein. Ich bezeichne mich selbst als Lesbe, was sich zu einem ermächtigenden Begriff entwickelt hat. Niemand kann mir mit diesem Wort schaden. Ich bestimme mein Narrativ− mit Dankbarkeit und Stolz.

Als Alice Coffins französisches Buch „Lesbian Genius“ im Jahr 2020 herauskam, war ich so frustriert, dass es weder auf Englisch noch auf Deutsch erhältlich war, denn ich wollte es allen meinen Freunden schenken. Dieses Buch ist ein Juwel – ich habe es zweimal gelesen. Auch wenn ich mich damals schon mit meinem eigenen Lesbischsein sehr wohlfühlte, hat „Lesbian Genius“ mich dazu gebracht, mehr für die Community zu tun, um anderen die Sicherheit zu geben, die ich nicht hatte, als ich sie am meisten brauchte.

Der Welt etwas „lesbisches Genie“ bringen

Also begann ich, mich für die lesbische Sichtbarkeit zu engagieren. Ich nahm an lesbischen Schreibprojekten teil. Bei dieser Gelegenheit lernte ich Anastasya kennen, eine moldawische Aktivistin aus Russland mit knallroter Brille. 

Sie erzählte uns, wie sie als Baby-Lesbe Russland verließ und in der ersten nicht staatlichen Organisation zum Schutz von LGBT-Menschen in Moldawien Hilfe suchte. Zwei Jahrzehnte später ist sie nun die Geschäftsführerin dieser Organisation. Jetzt gerade hilft sie tatkräftig ukrainischen LGBTIQ+-Flüchtlingen.

Anastasyas Geschichte hat mich sehr bewegt. Nachdem sie von sich erzählt hatte, ermutigte sie uns, unsere eigene zu erzählen – und ich beschloss, das zu tun. Später stellte mich Anastasya der EuroCentralAsian Lesbian* Community vor. Und ihre Mission hat mich einfach umgehauen: „Der Welt das lesbische Genie näherbringen.“ 

Erster Dyke March in Augsburg

Obwohl ich mich beim Schreiben am wohlsten fühle, habe ich beschlossen, die Welt auch im wirklichen Leben lesbischer zu machen. Während der Pandemie habe ich einen sicheren Raum für Lesben und queere Frauen in Augsburg mitgegründet. Diese Erfahrung ist ein wahrer Segen. Wir feiern bei jedem Treffen die Queerness und das Lesbischsein von Frauen. Und unsere Gemeinschaft wächst ständig. 

Es gibt auch tolle Neuigkeiten: Wir organisieren gerade den ersten Augsburger Dyke March. Ein Dyke March ist wie eine Pride Parade – für Lesben und queere Frauen (Verbündete sind willkommen). Wenn ihr also in Augsburg seid, ist dies eure offizielle Einladung. Kommt am Samstag, den 11. Juni, um 15 Uhr zu uns, um gemeinsam die Stadt lesbisch zu machen. 

Eine fortlaufende Reise

Von der Abstreitung auf die Straße – ich habe einen langen Weg hinter mir. Alles begann mit Scham und Selbstverleugnung, mit heimlichen Schwärmereien und Küssen. Wenn ich zurückblicke, würde ich mein jugendliches Ich gern in Liebe einhüllen und ihr sagen, dass sie perfekt ist, so wie sie ist. Ich würde ihr gern sagen, dass sie den Mut finden wird, wann immer sie bereit ist. Ich würde ihr gern die Angst vor Ablehnung nehmen. Ja, ich habe einen langen Weg hinter mir – und die Reise geht weiter.

Élisabeth Chevillet
 

Élisabeth Chevillet ist eine französische lesbische Bloggerin und Aktivistin.

Folgt Élie auf Instagram: @eliechevillet

Du findest weitere Blogbeitrag von Élisabeth hier: Blogposts Élisabeth Chevillet 

VON SCHAM ZUM AKTIVISMUS: WIE ICH EINE STOLZE LESBE WURDE

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