Ylva Verlag

Sind lesbische Liebesromane nur Schund und Kitsch?

Lesbische Frau liegt am See und liestFast jede lesbische, bisexuelle oder queere Frau hat bei einem Coming-out schon einmal gegen Vorurteile ankämpfen müssen. Selbst heutzutage sind noch längst nicht alle tolerant gegenüber Menschen mit anderen sexuellen Orientierungen … und auch nicht gegenüber Lesepräferenzen, die von den eigenen abweichen. Leser*innen von Liebesromanen für Frauen liebende Frauen sehen sich oft ähnlichen Vorurteilen ausgesetzt. Lesbische Liebesromane werden, genau wie Liebesromane im Allgemeinen, oft als oberflächlich, seicht und vorhersehbar abgestempelt.

 

EIN COMING-OUT ALS AUTORIN

Mittlerweile finde ich es fast einfacher, mich als lesbisch denn als Autorin von lesbischen Liebesromanen zu outen. Wenn ich neue Leute kennenlerne und sie herausfinden, dass ich hauptberuflich schreibe, sind die meisten sehr beeindruckt und neugierig. Sobald dann die Frage gestellt wird, was genau ich denn schreibe, und ich erzähle, dass ich Autorin von Liebesromanen bin, sind die Reaktionen sehr gemischt. Nicht selten treffe ich auf gehobene Augenbrauen und gerümpfte Nasen.

Selbst Leser*innen von Liebesromanen haben mit solchen Vorurteilen zu kämpfen. Das ist wohl auch der Grund dafür, dass manche das Lesen von Liebesromanen als ihr „heimliches Vergnügen“ bezeichnen. Eigentlich schade, dass wir uns für etwas, das uns Spaß macht, fast schon schämen und es verheimlichen müssen.

Liebesromane werden oft als schlecht geschriebener Schund abgetan, die einer immer gleichen Formel folgen. Meistens wird das von Leuten behauptet, die keine Liebesromane lesen, aber doch glauben, das beurteilen zu können.

 

SIND LESBISCHE LIEBESROMANE WIRKLICH FORMELHAFT UND ALLE GLEICH?

Natürlich gibt es einige Elemente, die die meisten oder gar alle Liebesromane gemeinsam haben. Meistens lernen sich die beiden Hauptfiguren kennen, es funkt zwischen ihnen, doch Hindernisse tauchen auf, die einer Beziehung im Wege stehen, bis sie es schließlich schaffen, diese Probleme zu lösen. Ein Happy End ist Pflicht in Liebesromanen.

In gewisser Hinsicht könnte man also schon von einer Formel sprechen, der Liebesromane folgen.

Aber ist das automatisch etwas Schlechtes? Eigentlich folgen doch Romane in anderen Genres auch gewissen Konventionen und grundlegenden Plotstrukturen. Die meisten Krimis haben zum Beispiel die folgenden Elemente gemeinsam: Am Anfang wird üblicherweise ein Verbrechen begangen und die Hauptfigur ermittelt dann, um den Schuldigen zu finden. Am Ende des Romans ist der Fall dann gelöst und die Gerechtigkeit siegt. Man könnte also sagen, dass auch Krimis ein Happy End voraussetzen.

In gewisser Hinsicht folgen auch Romane in Genres wie Science Fiction, Fantasy, Horror und Krimi alle einer gewissen Formel. Trotzdem sind es nur Liebesromane, die deswegen einen schlechten Ruf haben.

 

DIE ENTWICKLUNG DER CHARAKTERE STEHT IM VORDERGRUND

Ich persönlich mag den Begriff Formel nicht. Er impliziert, dass Liebesromane allesamt vorhersehbar, langweilig und seicht sind und dass eigentlich jede oder jeder sie ohne große Anstrengung schreiben kann.

Eigentlich handelt es sich bei diesen sogenannten Formeln um Lesererwartungen und Konventionen innerhalb eines Genres. Leser*innen von lesbischen Liebesromanen möchten gerne wissen, was sie erwartet, wenn sie ein bestimmtes Buch kaufen. Nach einem stressigen Arbeitstag möchten sie ihre Zeit nicht mit einem Buch verschwenden, das ihnen vermutlich nicht gefallen wird. Sie möchten ohne große Mühe Geschichten finden, die ihnen höchstwahrscheinlich einen netten Leseabend bereiten werden, weil ihnen zuvor bereits Romane mit einem ähnlichen Muster gefallen haben.

Zwar wissen Leser*innen von Liebesromanen bereits im Voraus, dass die beiden Hauptfiguren am Ende ein Paar werden, doch in einem guten Liebesroman ist das Endresultat nicht so wichtig, sondern eher der Weg dorthin. Die Entwicklung der Charaktere und der Beziehung steht im Vordergrund. Wenn die Autor*in ihre Sache gut gemacht hat, werden die Leser*innen diese Reise gespannt verfolgen und nicht eher aufhören zu lesen, bis sie herausgefunden haben, wie das Paar trotz aller Hindernisse zusammenfindet.

 

DIE KUNST, EINEN GUTEN LIEBESROMAN ZU SCHREIBEN

Innerhalb dieser vorgegebenen Konventionen gibt es Millionen unterschiedlichster Geschichten und Charaktere und Millionen unterschiedlicher Weisen, diese Geschichten zu schreiben. Und genau darin besteht die wahre Kunst, einen guten Liebesroman zu schreiben. Autor*innen sollten sich an die ungeschriebenen Regeln und die unausgesprochenen Versprechen ihren Leser*innen gegenüber halten, gleichzeitig darf aber kein Buch nur ein Abklatsch eines vorigen sein, sondern es muss frisch und fesselnd daherkommen.

Ich behaupte nicht, dass alle lesbischen Liebesromane brillant geschrieben sind. Wie in jedem anderen Genre auch gibt es große Unterschiede in der Qualität. Aber wenn wir auf ein richtig gutes Buch stoßen, das realistische Charaktere, einen fesselnden Schreibstil und eine einfallsreiche Handlung bietet, sollten wir diesen Roman einfach nur genießen können, ohne deshalb Spott oder Grimassen mit gerümpften Nasen zu ernten.

Habt ihr auch schon einmal solche Erfahrungen gemacht? Wie reagiert euer Umfeld auf die Art von Romanen, die ihr gerne lest?

 

Jae hat früher als Psychologin gearbeitet, gab dann aber ihren Beruf auf, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. Mittlerweile sind dreizehn ihrer Romane im Ylva Verlag veröffentlicht worden, zuletzt der Liebesroman “Alles nur gespielt”.


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