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Märchen 2.0 – Jungfrauen außer Nöten

fb-artikelfoto_ninoAm Ende läuft es doch immer darauf hinaus, dass die Prinzessin im Turm sitzt und darauf wartet, gerettet zu werden. Wahlweise von einem Prinzen auf dem edlen Ross, einem Jäger mit gewetzten Messern oder dem Königssohn mit seinem seltsamen Schuhfetisch. Grundsätzlich hatte die Frau im Märchen nicht viel anderes zu tun, als hübsch auszusehen, sich angemessen zu fürchten und sich am Ende ohne Protest, sondern mit verliebtem Blick ins Schloss ihres Retters tragen zu lassen. So sah es zumindest in den altbekannten Märchen der Gebrüder Grimm aus. Doch besonders in den letzten Jahren gab es einen regelrechten Boom von Märchenadaptionen und Neuerzählungen. Die meisten von ihnen sogar mit neuer Tiefe in Handlung und Charakterbau. Bei einigen könnte man sogar sagen, endlich mit Charakter.

Neu an Verfilmungen wie „Snow White and the Huntsman“, „Rapunzel – Neu verföhnt“ oder „Maleficent“ ist der ankommende Feminismus im Mainstream. Heute wird dieser Begriff wieder hitzig diskutiert. Teilweise wird auch gern das alte Vorurteil hervorgekramt, dass Feminismus gleichbedeutend sei mit der Unterdrückung des Mannes und der Errichtung eines Matriarchats. Dem ist und war noch nie so. Feminismus meint schlicht die Gleichberechtigung von allen Geschlechtern. Kein Mensch ist besser als der andere. Und in den neuen Filmen zeigt sich das gelegentlich auch: Die Frau kann sich selbst verteidigen, hat eine Mission, nicht ihre Schönheit steht im Vordergrund, sondern ihre Kompetenz als Mensch. Die Protagonistinnen der vorhin genannten Verfilmungen sind nicht gegen Männer per se, ihr Ziel ist oft ein Leben in Freiheit (Snow White), Selbstbestimmung (Rapunzel) und nicht, in gläsernen Schuhen auf den Ball zu gehen.

Aber warum eignen sich gerade Märchen dazu, feministisch neu interpretiert zu werden? Ich denke, in Märchen findet man eine extreme Nicht-Charakterisierung, in dem Sinne, dass die Charaktere flach und austauschbar sind. Die einzigen Merkmale sind meist Schönheit und vielleicht noch Reinheit des Herzens. Oder eben Grausamkeit. Daher lassen sie viel Spielraum für Neuordnung. Die bekanntesten oder beliebtesten Märchen sind die, in denen Mädchen geknechtet werden und das Böse stets eine Frau ist, die nach des Mädchens Leben trachtet.

fb-artikelfoto_dornroeschenNehmen wir „Dornröschen“. Im Original wird eine Zauberin um ihre Partyeinladung betrogen. Verständlicherweise wünscht sie nicht etwa dem Gastgeber die Pest an den Hals, sondern dessen neugeborener Tochter einen grausamen Tod. Diese irrationale Reaktion wirft kein allzu gutes Licht auf die Zauberin als Frau. Auch die anderen Feen wirken nicht besonders tiefgründig im Hinblick auf ihr eigenes Geschlecht. Sie beschenken Baby-Dornröschen mit allem, was die perfekte Ehefrau mitbringen sollte: Tugend, Reichtum und Schönheit. Intelligenz? Überbewertet. Witz? Zu lachen gibt es sowieso nichts. Wenigstens die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben? Sie ist so schön, man(n) wird ihr vorlesen. Natürlich greift hier die Märchenlogik, denn keine der Figuren des Originals handelt rational: Die letzte Fee macht aus dem Fluch ein nicht weniger schlimmes Ereignis – ein Koma statt sofortiger Tod; die Eltern verlassen das Mädchen an genau dem Tag, an dem der Fluch wirken soll; keiner sagt dem armen Kind etwas, sodass sie vielleicht nicht offenen Auges ins Verderben gerannt wäre. So ist Dornröschen das arme Geschöpf, das von Geburt an stets vor etwas gerettet werden muss. Zum Schluss von einem tollkühnen Prinzen, der sie aus hundert Jahren Einsamkeit erweckt und mit dem sie nach ihrem Erwachen ohne großes Federlesen verheiratet wird.

Besonders junge Mädchen und Frauen scheinen auf Märchen anzusprechen, vielleicht nicht zuletzt, weil Disney die Stoffe rausgreift und aufwendig, bunt und ansprechend verfilmt. Wenn wir an Aschenputtel oder Schneewittchen denken, hat Disney früher nicht unbedingt zum Feminismus beigetragen, doch es hat sich ein Wandel vollzogen. Weibliche Vorbilder werden von Disney modernisiert und zwar nicht nur die lieblichen Prinzessinnen, sondern auch die bösen Hexen.

Maleficent im gleichnamigen Film hat nun endlich einen Grund, wütend zu sein, und was für einen. Ihr Widersacher war anfänglich ihr Vertrauter, doch bricht er ihr das Herz, begeht Verrat an seiner Kindheitsfreundin und will ihr Zuhause zerstören. Gut, könnte man sagen, das klingt nach typischen Gründen für die Rache einer Frau. Aber ganz ehrlich, noch vor zweihundert Jahren hätte sie dem Mann alles verziehen und ihre Fähigkeiten in seine Dienste gestellt, um mit gebrochenem Herzen wenigstens immer in seiner Nähe sein zu können. Noch im Original war die versagte Partyeinladung der Grund für ihre Kränkung, doch „Maleficent“ erzählt die Vorgeschichte, gibt der Figur nun ein eindeutiges und legitimes Motiv für ihre Rache.

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Szene aus „Als die Mädchen zu Wölfen wurden“

Aber auch, wenn die Figur der Maleficent großartig ausgebaut wurde, muss man es doch differenziert betrachten. Die Männer sind hier nicht gleichgestellt: Der König ist ein egozentrischer Feigling, der Prinz ein charakterloser Schönling (was natürlich genau die Umkehrung des Motivs der schönen, nichtssagenden Prinzessin ist) und Diaval ist zwar klug und hilfsbereit aber dennoch primär ein Rabe. Und auch Dornröschen an sich hat sich im Vergleich zu ihrem Original eigentlich kaum verändert. Sie ist immer noch das liebliche und süße Kind, das beschützt werden muss.

Die Verfilmung ist in Hinsicht auf die Darstellung von Feminismus als Gleichberechtigung zwar nicht perfekt, aber schon ein Schritt in die richtige Richtung. Denn dass den Frauenfiguren in Märchen allgemein mehr Tiefe gegeben werden muss, hat man verstanden. Gerade die Neuadaptionen der Märchen bieten eine Art Korrektur für die schmähliche Missdarstellung der Frau in den ursprünglichen Märchentexten. Sie vermitteln heute nicht mehr, wie eine Frau zu sein hat. Denn ich würde sagen, im Grunde ist es egal, wie sie ist. Hauptsache sie macht ihr eigenes Ding, nicht rücksichtslos anderen gegenüber, aber mit Rücksicht auf sich selbst. Und ob sie das in Lederhosen oder goldenen Kleidern tut, spielt gar keine Rolle.

Nino Delia liebt Wortspiele, düstere Geschichten und bissigen Humor und sympathisiert eher mit den Außenseiterfiguren. Von ihr ist im Ylva Verlag das Buch Als die Mädchen zu Wölfen wurden erschienen.


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